Wen kümmert’s was die da oben in ihren Wahlprogrammen schreiben?

Die vergleichende Politikwissenschaft greift neben Expertenbefragungen und Meinungsumfragen gerne auf die Wahlprogramme von Parteien zurück, um Parteipositionen zu messen (Debus 2009). Unter Zuhilfenahme verschiedener Techniken werden Parteipositionen für bestimme Themenfelder berechnet und häufig zu einer generellen Links-Rechts-Position der einzelnen Parteien aufsummiert (Proksch & Slapin 2008Lowe et al. 2011, Budge et al. 2001). Dabei weiß die Politikwissenschaft vergleichsweise wenig darüber wie Parteiprogramme im Einzelfall entstehen, wer beim Schreiben beteiligt ist (oder eben nicht beteiligt ist), welche Funktionen Parteiprogramme im jeweiligen Einzelfall erfüllen und wer die Programme liest (außer Parteienforscher).

Kümmert’s den Wähler?

Interessant wäre es beispielsweise zu wissen ob und wann aktiv nach Wahlprogrammen gesucht wird. Oftmals wird die These aufgestellt, dass Wähler sich selten dafür interessieren was Parteien in ihren Programmen versprechen (Bara 2005).

Um die Fragen ob und wann Wahlprogramme aktiv gesucht werden beantworten zu können, sind Daten über die Zeit hinweg notwendig. Meinungsumfragen geben hierbei nur eine begrenzte Einsicht in den Zeitverlauf, da sie unregelmäßig erhoben werden und zumeist keine Panelstruktur aufweisen. Zudem werden selten Fragen bezüglich des Lesens von Wahlprogrammen gestellt.

Googletrends

Um Antworten zu erhalten, ob und wann die Öffentlichkeit nach den Wahlprogrammen der Parteien aktiv sucht, wurden daher Daten von Googletrends heruntergeladen. Gesucht wurde jeweils nach dem Parteinamen und dem Schlagwort “Wahlprogramm” – beispielsweise “Wahlprogramm SPD”. Wichtig ist hierbei anzumerken, dass Googletrends Datensätze mit allerlei Problemen behaftet sind (Mellon 2013):

  1. Google teilt nur “relative” Daten mit der Öffentlichkeit. Die Anzahl der Treffer wird im Verhältnis zu einem Maximalwert verrechnet. Es gibt keine Möglichkeit die genaue Anzahl der Treffer zu irgendeinem Zeitpunkt zu kalkulieren, da alle Datenpunkte nur in Prozenten ausgespuckt werden. Wir wissen nur wann “mehr” und wann “weniger” nach einem Schlagwort gesucht wurde (für mehr Infos).
  2. Während Meinungsumfragen wohl überlegte Fragekataloge abfragen, können wir Googletrends keine Fragen stellen. Wir wissen nichts über die Intention der einzelnen Suchenden, nur, dass eine bestimmtes Schlagwort gesucht wurde. So könnten viele Personen zwar nach dem jeweiligen Wahlprogramm gesucht haben, sich jedoch dann entschlossen haben, es dann doch nicht zu lesen. Allerdings veranschaulicht uns der Googletrend, wann aktiv  im Internet nach dem jeweiligen Parteiprogramm gesucht wurde, völlig unabhängig davon was die Suchenden danach mit dem Suchtreffer anzufangen wussten.
  3. Das Internet wird nicht von jeder Person identisch häufig (oder überhaupt) benutzt. Insbesondere das Alter und der sozio-ökonomische Status spielen hier eine große Rolle (Fuchs 2009). Allerdings gib es Hinweise darauf, dass dieses Problem weniger gravierend ist, als befürchtet (Mellon 2011). Zudem wurde das Internet im Jahre 2005 weniger und anders benutzt als im Jahre 2015.
  4. Gesucht werden kann prinzipiell nach allem. Erfüllt ein Schlagwort jedoch nicht ein minimales Suchvolumen, streikt Googletrends und gibt entweder keine Ergebnisse aus oder modifiziert die Zeitintervalle (Bsp. von Wochen zu Monaten), so dass das Minimalvolumen überschritten wird. Im Falle der Suchanfragen für Wahlprogramme, haben sowohl Bündnis’90/Die Grünen (Grüne) als auch die Linke nicht das Minimalvolumen für eine wöchentliche Suche erfüllen können, interessanterweise wohl aber die Alternative für Deutschland (AFD).
Ergebnisse

Die erste Grafik zeigt die Häufigkeit (in %) der Suche nach Wahlprogrammen auf Google für die SPD, die CDU, die FDP und die AFD für jede Woche seit Januar 2005. Für diese vier Parteien gab Googletrends wöchentliche Datenpunkte aus.

PartyComparison
Fig 1: Häufigkeit der Suche nach Wahlprogrammen im Vergleich

Wenig überraschend steigt die Häufigkeit der Suche bei allen Parteien zu Wahlterminen hin an. Für alle Parteien gilt: Das maximale öffentliche Interesse am jeweiligen Wahlprogramm wird in der Wahlkampfphase oder kurz danach erreicht.

Der Wahlkampf zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder im Jahre 2005 sorgte bei der SPD und der CDU für die häufigsten Suchanfragen. Auch danach korreliert der Trend der CDU und der SPD sehr stark miteinander. Über die Zeit hinweg scheint die Öffentlichkeit jedoch weniger interessiert an den Wahlprogrammen der beiden Volksparteien.

Der Wahlkampf 2009 sorgte bei der FDP nicht nur für ein historisches Wahlergebnis (15% der Stimmen), sondern auch für das höchste Interesse der Öffentlichkeit an den niedergeschriebenen Positionen der Partei. Während im Wahlkampf zur Wahl 2013 sich ungleich weniger Personen für das FDP Manifesto interessierten: Ein Fall von nahezu 80% im Vergleich zum Jahr 2009. Es scheint, dass die FDP 2009 vergleichsweise erfolgreich war die Öffentlichkeit für die Parteipositionen zu interessieren, während 2013 das Gegenteilige der Fall war. So könnte ein Teil des Erfolges von 2009 tatsächlich auch mit der Kommunikationspolitik der Partei, als auch durch die mitgeteilten Positionen im Wahlprogramm erklärbar sein.

Suche für AFD Programm im Detail
Fig 2: Suche nach AFD Wahlprogramm (2013) im Detail

Besonders auffallend ist das Interesse der Googlenutzer-Innen für das AFD Programm. Während weder die Grünen, noch die Linke bei Googletrends für den hier abgetragenen Zeitraum (Woche) das Minimalvolumen von Googletrends überschreiten konnten, schaffte dies die AFD direkt in ihrem ersten Wahlkampf. Grafik 2 ermöglicht einen genaueren Einblick in den AFD “Erfolg”. Dabei wird schnell deutlich, dass die Öffentlichkeit sich großteils erst nach dem knappen Scheitern der Partei an der 5% Hürde über die Positionen der AFD erkundigte (blauer Balken in Fig 2), während deutlich weniger Wähler sich vor der Wahl für die AFD interessierten (55% in Google Trends Zahlen). Ein ähnlicher Trend trat auch bei der FDP im Jahr 2009 auf. Allerdings war in diesem Fall der Unterschied vor und nach der Wahl deutlich geringer (80% in der Woche vor der Wahl und 100% danach), zudem war die FDP bereits in der Woche vor der Wahl die Partei für deren Wahlprogramm sich die meisten Googlenutzer interessierten wie Grafik 3 verdeutlicht.

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Fig 3: Abwärtstrend über die Zeit

Für Grafik 3 wurden alle Suchwörter gemeinsam benutzt, um das Interesse der Öffentlichkeit für die Wahlprogramme der jeweiligen Parteien gegeneinander zu vergleichen. Das Wahlprogramm der SPD im Jahre 2005 erzielt dabei das stärkste öffentlich Interesse, knapp dahinter liegt das CDU Wahlprogramm aus dem gleichen Jahr. Auch in dieser Grafik wird noch einmal deutlich wie hoch das Interesse an den AFD Positionen nach der Wahl 2013 war.

Im Zeitverlauf nimmt das Interesse an den Wahlprogrammen jedoch deutlich ab. Zwar sind bisher nur drei Bundestagswahlen über Googletrends abgedeckt, der Trend zeigt allerdings deutlich nach unten über die Zeit hinweg. Insbesondere für die Programme der beiden Volksparteien (CDU und SPD) scheinen sich immer weniger Personen aktiv auf die Suche zu begeben.

Fazit

Wenig überraschend nimmt das Interesse der Öffentlichkeit an den Positionen der Parteien zur Wahl hin zu. Interessanterweise bei manchen Parteien verstärkt nach der Wahl (AFD, FDP). Letzteres könnte bedeuten, dass ein überraschend positives Abschneiden einer Partei dazu führt, dass die Wähler nach der Wahl wissen wollen, welche Positionen die gewählte Partei überhaupt vertritt. Allerdings sind weitaus größere Datenmengen notwendig, um diese These untermaueren zu können. Googletrends gibt uns hierfür leider nur einen Trend aus, lässt uns jedoch über die tatsächliche Suchhäufigkeit im Unklaren. Zum Abschluss ein Vergleich des Schlagwortes “DSDS” (Deutschland sucht den Superstar) mit dem Schlagwort “Wahlprogramm” abgebildet in Grafik 4:

Fig 4: DSDS vs. Wahlprogramm

 

Naja, zumindest während der Kampagnenzeit scheint sich die Öffentlichkeit häufiger für Parteiprogramme als für DSDS Entscheidungen zu interessieren…

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