Atomkraft ist (k)ein Auslaufmodell

Die Zeit schrieb gestern:

“Atomkraft ist kein Auslaufmodell”

Als Untermauerung dieser These wurde dem Leser ein Balkendiagramm der “Stromerzeugung aus Kernenergie” in 15 Ländern aus dem Jahre 2011 präsentiert. Aus diesem könnte man ablesen “[w]ie stark viele Länder immer noch von der Kernenergie abhängig sind […]”. In Wirklichkeit können wir aus der Grafik jedoch nur ablesen wie sehr die 15 Länder in der Grafik im Jahre 2011 der Kernenergie vertrauten. Einen Trend, eine Entwicklung über die Zeit hinweg, kann der Leser aus dieser Grafik nicht ablesen, auch wenn uns das die Zeit glauben lassen möchte. Darüber hinaus fand im März 2011 in Fukushima eine Kernschmelze statt, welche einige Regierungen veranlasste, ihre Strompolitik radikal zu überdenken. Wie die Zeit richtigerweise erklärt, betraf dies vor allem Deutschland und die Schweiz. Aber eben auch Italien. Dort kam die Berlusconi Regierung nach dem Fukushima Unfall von der Idee ab wieder in die Atomenergie einzusteigen. Diese Abkehr lässt sich allerdings nicht mit den abgetragenen Daten messen. Weiterhin kann ein Atomreaktor bekanntlich nicht von heute auf morgen vom Netz genommen werden, somit erscheint es eher fraglich, dass bereits im Jahre 2011 die Auswirkungen des Fukushima Schocks auf die Statistiken zur Kernenergieerzeugung messbar wären.

Wie sieht die Entwicklung über das letzte Jahrzehnt tatsächlich aus? Grafik 1 zeigt den Mittelwert (+ 90 % Konfidenzintervall) der weltweiten Entwicklung der Nutzung der Kernenergie seit 2003, basierend auf Daten der World Nuclear Association (Grafik 2 am Schluss des Posts zeigt die Entwicklung getrennt nach Staaten). Der rote Strich markiert den Datenpunkt aus der Grafik der Zeit, das Jahr 2011.

Grafik 1: Nutzung der Kernenergie weltweit

Graph

Zunächst wird bereits bei einem flüchtigen Blick in die Grafik deutlich, dass die Nutzung der Kernenergie bereits seit dem Jahr 2004 rückläufig ist – mit kurzen Anstiegen in den Jahren 2008 und 2009. Weiterhin zeigt die Grafik, dass vom Jahr 2011 zum Jahr 2012 die Nutzung weltweit weiterhin sank, bevor sie im Jahr 2013 konstant verblieb. Die Datenlage ist somit deutlich anders als uns die Zeit glauben lassen möchte. Die Daten aus dem Jahre 2011 haben somit auch kaum Aussagekraft über die Verwendung der Kernenergie im Jahre 2014.

Darüber hinaus wurde in einer “ersten Version” des Artikels darauf verwiesen, dass Norwegen 30% seines Stromes mit Kernenergie gewinne. Ein Fehler, so die Redaktion, das wäre eigentlich Finnland. Damit aber nicht genug: Belgien habe seinen Atomausstieg nach dem Fukushima Desaster beschleunigt. Auch das ist nicht die ganze Wahrheit, im Juni 2012 beschloss die belgische Regierung die Laufzeit für den Reaktor Tihange 1 gar auszuweiten.

Wie bereits erwähnt, geben uns die hier verwendet Daten (und somit auch die Daten der Zeit) keine Auskunft über die künftigen Energiepläne einzelner Länder. Schauen wir uns jedoch eine tatsächliche Zeitreihe der Datenlage an, so scheint der Titel des Zeit Artikels, dass die Atomkraft kein Auslaufmodell ist, schlicht falsch zu sein. Allerdings werden derzeit weltweit 72 Kernreaktoren gebaut, jedoch lediglich zwei Reaktoren in Westeuropa laut dem Nuclear Energy Institute. Somit scheinen die Regierungen in Westeuropa derzeit großteils der Kernenergie abgeschworen zu haben, während insbesondere China (28 Reaktoren in Konstruktion) und Russland (10 Reaktoren in Konstruktion) ihre nuklearen Kapazitäten massiv ausbauen möchten.

Grafik 2: Nutzung der Kernenergie weltweit aufgeteilt nach Staaten

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